Ich erzähle eine schöne Geschichte

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Die lebensweltorientierte Soziale Arbeit, wie sie von Grunwald und Thiersch beschrieben wird, bietet einen spezifischen Zugang zur und eine besondere Sicht auf die „Welt“. Sie betrachtet die alltägliche Lebenswelt als den Ort, an dem sich der Alltag der Menschen abspielt, sowie die Art und Weise, wie sie diesen gestalten. Dabei unterscheidet sie zwischen der Vorder- und der Hinterbühne des Lebens: Die Vorderbühne repräsentiert sichtbare, konkrete Handlungen und Interaktionen, während die Hinterbühne die gesellschaftlichen Strukturen und Prozesse beschreibt, die diese Handlungen beeinflussen. Beide Ebenen sind untrennbar miteinander verbunden und bedingen sich gegenseitig.

Die Lebenswelt einer Person wird durch Dimensionen wie die erfahrene Zeit und den erfahrenen Raum geprägt. Zeitliche Strukturen, beispielsweise die Gliederung eines Tages oder einer Woche, schaffen unterschiedliche Aufgaben und erfordern individuelle Kompetenzen zur Bewältigung. Der erfahrene Raum ist subjektiv wahrgenommen und wird durch persönliche Erlebnisse, vorhandene Ressourcen und gesellschaftliche Rahmenbedingungen geformt. Diese Faktoren beeinflussen, wie Menschen in ihrem Alltag agieren und welche Strategien sie entwickeln, um Herausforderungen zu bewältigen.

Lebensweltorientierte Soziale Arbeit hat das Ziel, Menschen in schwierigen oder belastenden Lebenslagen zu unterstützen und Optionen für einen „gelingenderen“ Alltag zu eröffnen. Dabei wird der Eigensinn der Menschen, also ihre individuellen Strategien der Lebensbewältigung, nicht als Problem, sondern als Ressource angesehen. Es geht nicht primär um die Lösung von Problemen, sondern darum, gemeinsam mit den Adressierten Räume und Strategien zu schaffen, die eine positive Alltagsgestaltung ermöglichen. Dabei agiert Soziale Arbeit stets im Zeichen von Liebe, Vertrauen und Neugier, wobei sie sich bewusst sein muss, nicht das vermeintlich „Bessere“ über die Betroffenen zu wissen und deren Eigensinn zu respektieren.

Die Handlungs- und Strukturmaximen der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit umfassen verschiedene Prinzipien, die sowohl das professionelle Handeln als auch die Organisation der Arbeit leiten. Zu diesen Maximen zählen:

  1. Alltagsnähe: Die Soziale Arbeit berücksichtigt, dass Adressierte in erster Linie Menschen sind, deren Alltag im Zentrum steht.

  2. Regionalisierung und Sozialräumlichkeit: Dies umfasst die Nutzung regionaler Ressourcen wie Familie, Nachbarschaft und zivilgesellschaftliche Strukturen. Es betont auch die Bedeutung der Vernetzung mit lokalen Institutionen wie Schulen oder psychiatrischen Diensten sowie die Niedrigschwelligkeit von Hilfsangeboten.

  3. Prävention: Menschen werden dazu befähigt, über die Gegenwart hinaus Herausforderungen zu bewältigen. Gleichzeitig muss darauf geachtet werden, bestehende Bewältigungskompetenzen der Adressierten nicht zu übersehen.

  4. Integration und Inklusion: Soziale Arbeit basiert auf der Gleichheit aller Menschen und berücksichtigt gleichzeitig individuelle Unterschiede wie Geschlecht, Kultur, Religion, Gesundheit oder körperliche Verfassung.

  5. Partizipation: Das Streben nach Selbstständigkeit der Adressierten wird anerkannt und gefördert.

  6. Strukturierte Offenheit: Soziale Arbeit kombiniert die Absicherung und Transparenz des Handelns mit der Bereitschaft, offen für Unvorhersehbarkeit und Risiken zu sein. Dies gilt sowohl für das methodische Handeln als auch für die institutionelle Ordnung.

  7. Einmischung: Die Soziale Arbeit steht an der Schnittstelle zwischen individuellem Verhalten und gesellschaftlichen Verhältnissen. Sie hat das Mandat, die Ansprüche der Adressierten zu vertreten und deren Perspektiven in gesellschaftliche Prozesse einzubringen.

Die Rolle von Sozialarbeiterinnen in der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit erfordert eine respektvolle und reflexive Haltung. Sie sollen den Alltag der Klientinnen anerkennen, zuhören und diese als Expertinnen ihrer eigenen Lebenswelt wertschätzen. Gleichzeitig gehört es zu ihrer Aufgabe, Klientinnen auf ihre Grenzen hinzuweisen, ohne sie zu verurteilen. Ziel ist es, sie bei der Entwicklung eines gelingenderen Alltags zu unterstützen, indem Strategien zur Selbsthilfe vermittelt werden. Dies setzt voraus, dass Fachkräfte ihr eigenes Handeln ständig hinterfragen und an den individuellen Lebenswelten der Klient*innen ausrichten.


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